Tagen ohne Barrieren - ein Gewinn für Alle

Perspektiven wechseln - Bedürfnisse erkennen

Autorinnen: Kerstin Hoffmann-Wagner, Gudrun Jostes

Barrierefreiheit ist für Locations schon seit geraumer Zeit ein Thema. Auf Grund gesetzlicher und technischer Regelungen müssen Neu- und umfangreiche Umbauten von öffentlich zugänglichen Gebäuden so geplant werden, dass auch Menschen mit Einschränkungen Zugang zu den betreffenden Räumlichkeiten erhalten.

Die demographische Entwicklung und das Recht auf ein inklusives Miteinander sind zukunftsorientierte Themen, die die MICE Branche immer häufiger beschäftigt. Was verbirgt sich hinter Inklusion und Barrierefreiheit? Mit einer barrierefreien Planung und Gestaltung von Tagungen werden Grundlagen für ein inklusives Miteinander geschaffen. Hiermit soll allen Menschen die uneingeschränkte Teilhabe an Tagungen, Events, Incentives oder auch Messen ermöglicht werden.

Was bedeutet das konkret für Veranstalter und Planer der MICE-Branche?

Dazu haben wir drei Grundpfeiler zur Orientierung zusammengestellt:

1. Keine Sonderlösungen

Barrierefreiheit ist keine Sonderlösung. Vielmehr geht es darum, durch barrierefreie Planungen Menschen mit und ohne Einschränkungen den Zugang und die Teilhabe an allen Veranstaltungen zu ermöglichen. Was für den einen Teilnehmer notwendig ist, kann für den anderen ein Gewinn an Komfort bedeuten. Beispiele: - Bei der barrierefreien Gestaltung des Eingangsbereichs einer Location geht es nicht nur um die Schaffung eines gesonderten Eingangs für Rollstuhlfahrer. Vielmehr wird der Eingang so umgestaltet, dass dieser sowohl für mobilitäts- und sinneseingeschränkte Besucher, als auch für Mitarbeiter, die Mobiliar transportieren und Künstler/Techniker, die Lichtanlagen o.ä. in das Gebäude schaffen müssen, problemlos nutzbar ist. - Bei einem barrierefreien Veranstaltungskonzept geht es darum, eine inklusive Veranstaltung, die die Bedürfnisse von allen Besuchern, seien sie klein oder groß, seheingeschränkt oder blind, hörgeschädigt oder gehörlos, mit oder ohne Hilfsmittel (z.B. Rollator, Rollstuhl, Blindenstock, Hörhilfen) professionell zu konzipieren.

2. Bedürfnisse erkennen

Diese Ziele werden erreicht, wenn die vielfältigen Bedürfnisse von Besuchern oder Teilnehmern bekannt sind. Erst dann können entsprechende Schritte eingeleitet und konzeptionell umgesetzt werden. Wir alle werden immer älter, bunter, unterschiedlicher und anspruchsvoller - somit werden die Anforderungen an Veranstaltungen immer komplexer. Wie können konkrete Bedürfnisse ermittelt werden, und wie beginnt man die Planung ohne genaue Kenntnis über die Bedürfnisse der Teilnehmer? Unser 2-Phasen-Modell ist hierzu eine Möglichkeit, Grundlagen zu schaffen: - in Phase 1, zu Beginn der Projektplanung sind die konkreten Bedürfnisse der Teilnehmer noch nicht bekannt. Es geht darum, definierte Standards anzuwenden, die für alle Veranstaltungen gelten. Hierzu gehört z.B. die Auswahl einer barrierefreien Location, die Konzeption eines Events, an dem auch Menschen mit Mobilitäts- oder Sinneseinschränkungen teilnehmen können, die Kommunikation über eine barrierefreie Website, kontrastreiche Gestaltung aller gedruckten Materialien, barrierefreies Catering mit Mischbestuhlung und vieles mehr. - in Phase 2 beginnt die eigentliche Eventkommunikation, in der Kontakt mit potentiellen Teilnehmern aufgenommen wird. Hier kann über Anmeldetools gezielt nach besonderen Anforderungen gefragt und die Umsetzbarkeit geprüft werden.

3. Lückenlose Planungskette

Solitärmaßnahmen können hilfreich sein, sind jedoch nicht zielführend. Bei jedem Event ist die individuelle Überprüfung einer lückenlosen barrierefreien Kette notwendig. Die Ist-Situation der Location, des Standortes, der vorhandenen Technik und die Art des Events müssen angeschaut und auf barrierefreie Nutzbarkeit analysiert werden. Erst dann können ergänzende Maßnahmen und vorab definierte Standards von Anfang an als selbstverständlicher Teil der Veranstaltungsplanung eingebunden werden. In jeder Phase der Planung ist dies zu berücksichtigen. Mit den vorhandenen barrierefreien Bausteinen und den ergänzenden Maßnahmen entsteht so die notwendige lückenlos gestaltete barrierefreie Mobilitäts- und Servicekette für Tagungen, Events und Messen.

Drei Fragen an...

Gudrun Jostes, Dipl.-Ing., zertifizierte Fachplanerin und freie Sachverständige für Barrierefreies Bauen, Planungsbüro Jostes & Kerstin Hoffmann-Wagner, Eventberaterin und zertifizierte Trainerin, Inhaberin von HOFFMANN EVENTBERATUNG. Beide kooperieren seit 2015 im Bereich Barrierefreie Events und Messen.

Wie können Veranstaltungsplaner und Locationbetreiber von Barrierefreiheit profitieren?

Der demographische Wandel ist schon lange präsent und kein Trend mehr. Wer sich heutzutage dieser Realität stellt und entsprechende Schritte vollzieht, punktet mit zukunftsorientieren Veranstaltungskonzepten. Nachhaltige Veranstaltungsplanung umfasst barrierefreie Aspekte und bietet einen zusätzlichen Pluspunkt, von dem sowohl Veranstaltungsplaner als auch Locationbetreiber profitieren.

Wo sehen Sie die größten Vorteile beim Einsatz in der Veranstaltungsplanung?

Durch Barrierefreiheit kann sich die Anzahl der Besucher oder Teilnehmer vergrößern. Menschen, die bisher Veranstaltungen gemieden haben, weil schlichtweg der Zugang für sie nicht möglich war, bekommen nun die Möglichkeit der uneingeschränkten Teilnahme.

Welche typischen Stolperfallen gibt es und wie lassen sie sich vermeiden?

Die häufigste Stolperfalle ist die noch geringe Kenntnis der Einbindung von Maßnahmen in die Eventplanung, die ein inklusives Miteinander ermöglichen. Dadurch entstehen Vorbehalte, vor allem bzgl. von Mehrkosten, die dann entstehen, wenn Maßnahmen zu spät an eine bestehende Planung angedockt werden. Integrative Eventkonzepte - das heißt die Einbindung aller Aspekte von Beginn an, seien es Forderungen des Brandschutzes, der Sicherheit, der Nachhaltigkeit oder der Barrierefreiheit, das ist die professionelle Herausforderung zukünftiger Eventplanungen.

Kerstin Hoffmann-Wagner

Kerstin Hoffmann-Wagner ist selbstständige Eventberaterin und zertifizierte Trainerin. Sie berät, coacht und trainiert Unternehmen bei Ihren Aktivitäten im Bereich Event- und Messeplanung. Zuvor war die studierte Kulturmanagerin selbst viele Jahre als Seniorreferentin und Projektleiterin im Eventmanagement tätig. Themen der Nachhaltigkeit und Inklusion bilden wesentliche Schwerpunkte in Ihrer Arbeit. Weitere Schwerpunkte sind Social Media und Krisenmanagement bei Events.

Gudrun Jostes

Gudrun Jostes ist zertifizierte Fachplanerin und freie Sachverständige für Barrierefreies Bauen. Sie berät und plant seit 2000 für öffentliche und private Auftraggeber, im Bereich Barrierefreies planen und bauen. Seit mehreren Jahren führt sie praxisrelevante Trainings und Workshops, u.a. für Handwerkskammern, Universitäten, Fachhochschulen, Verbände und Wirtschaftsunternehmen durch.