Digitalisierung im Simultandolmetschen – Wie profitieren Events davon?

Autorin: Julia M. Böhm - Diplom-Dolmetscherin, Konferenzdolmetscherin VKD-BDÜ, aiic

 

Streaming steigert, Simultandolmetschen potenziert die Reichweite eines Events

Kann die Reichweite eines Events durch Livestreaming entscheidend gesteigert werden, so lässt sie sich durch das Streaming der Dolmetscherspur(en) potenzieren: Ein Event ist so nicht nur weltweit, sondern weltweit in theoretisch beliebig vielen Sprachen verfolgbar. Die Zeitverschiebung lässt sich überwinden, indem der Stream in den gewünschten Sprachen aufgezeichnet und zum Abruf bereitgestellt wird. Bei weltweit verfügbaren Casts oder Aufnahmen müssen die agierenden Dolmetscher sorgfältig ausgewählt und sehr gut eingearbeitet sein, denn auch die Nachricht einer Event-Panne und der zu erwartende Image-Schaden verbreiten sich rasant in einer digitalisierten Welt.

Julia Böhm beim Dolmetschen
Julia Böhm beim Dolmetschen

Dolmetscher-Hubs bei hybriden Events

Dolmetscher-Hubs sind eine Form des sogenannten Remote-Simultandolmetschens, die beispielsweise bei großen Sportereignissen (Fußball-WM) bereits eingesetzt werden. Die Dolmetscher für die unterschiedlichsten Sprachen befinden sich nicht mehr an den Austragungsorten, sondern in einem temporär errichteten, mit der erforderlichen hochwertigen Broadcasting-Technik (technische Details siehe ISO 20108 ausgestatteten Zentrum. Dort erhalten sie Zuspielungen der zu dolmetschenden Situationen und die Verdolmetschung kann in die ganze Welt ausgestrahlt oder aufgezeichnet werden. Hub-Lösungen sind ähnlich bei hybriden (Groß)events oder virtuellen Events (dann am Sendeort) denkbar.

Die Zukunft: Digital verfügbarer Simultandolmetscher

Dass Events schließlich rein per Computer übersetzt werden, liegt in weiter Ferne. Googles Pixel Buds sind ein Fake (siehe Spiegel-Artikel). Langjährige seriöse Forschungsprojekte im Bereich der Computer-Übersetzung natürlicher Sprache, wie der Lecture Translator des Karlsruhe Institute for Technology (Beispielvideo) liefern  jedenfalls für eine Anwendung im Event-Bereich - kaum befriedigende Ergebnisse: Zunächst müssen solche Systeme langwierig auf die jeweiligen Redner trainiert werden. Sie kommen mit sprachlichen Unregelmäßigkeiten, wie etwa Akzenten oder unvollständig formulierten Sätzen, noch schlecht zurecht. Menschliche Komponenten der Sprache, Bildhaftes, Witze, pointierte werbliche Sprache und Nonverbales (Betonung und Körpersprache), bleiben vollkommen auf der Strecke. Durch künstliche Intelligenz und gesteigerte Rechenleistungen könnte es in einigen Jahren möglich sein, den reinen Inhalt von Kommunikation zu übersetzen, jedoch wird die Kommunikation dabei steril bleiben (dazu auch ein Blogartikel von A. Rütten). Eine Technologie aber, die die Qualität der Kommunikation mindert, wird von den Nutzern abgelehnt. Das wäre viel "High Tech" und zu wenig "High Touch" (dazu auch Matthias Schultze).

Dr. Anja Rütten in Dolmetscherkabine mit VR-Brille
Dr. Anja Rütten in Dolmetscherkabine mit VR-Brille

Eine größere Durchschlagskraft für den Event-Bereich ist daher im Remote-Dolmetschen zu sehen, das, wenn einmal ausreichende Bandbreiten unterbrechungsfrei verfügbar sind und es die normgerechten technischen Systeme gibt, Event-Teilnehmern die Zuschaltung eines menschlichen Dolmetschers, beispielsweise auf einem smarten Endgerät, erlauben wird. Da Dolmetscher eigentlich für ihre Arbeit darauf angewiesen sind, neben dem verbalen Inhalt sämtliche auch menschliche und situative Komponenten der Kommunikation zu erfassen, ist als Zukunftsszenario denkbar, dass von fern zugeschaltete Dolmetscher VR-Headsets tragen, auf die die Kommunikationssituation übertragen wird. Dank digitaler Medien sind sie gleichsam "live dabei" und können dem Nutzer die Kommunikation in seiner Sprache hochwertig vermitteln (Pilotversuch Dolmetschen mit VR-Headset).