Mit „unsichtbarer“ Behinderung zu Gast bei Kongressen

Menschen mit Autismus, ADHS oder Hochbegabung nehmen Veranstaltungen anders wahr

Rollstuhlgerechte Wege, Gebärdendolmetscher oder Leitsysteme für Blinde - das alles ist zunehmend Standard bei der barrierefreien Veranstaltungsplanung. Doch was ist mit Tagungsteilnehmern, für die Kommunikation und Reize aller Art belastend sind? Menschen mit der "unsichtbaren Behinderung" Autismus nehmen ihre Umgebung anders wahr: Schnell kann ihnen auf großen Veranstaltungen, inmitten zahlreicher Menschen und konfrontiert mit einem vollgepackten Programm alles "zu viel" werden. Ähnlich können das auch Menschen mit ADHS beziehungsweise ADS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom mit oder ohne Hyperaktivität) oder Hochbegabte erleben.

Welche Rahmenbedingungen sich Teilnehmer aus diesem Personenkreis beim Besuch von Tagungen oder Kongressen wünschen, erklärt die Asperger-Autistin Dr. Christine Preißmann im Interview mit GCB-Geschäftsführer Matthias Schultze.

Schultze: Liebe Frau Dr. Preißmann, ich freue mich, dass Sie uns Einblicke in Ihre Wahrnehmung geben. Wie empfinden Sie Tagungen und Kongresse speziell mit dem Fokus auf Autismus? 

Preißmann: Tatsächlich sind Großveranstaltungen schwierig, in erster Linie wegen der Akustik, aber auch wegen der vielen Menschen, Lichter etc. Die sensorische Belastung ist hoch. 

Schultze: Würden Sie sich bestimmte Angebote wünschen in Bezug auf Räumlichkeiten, Programmpunkte oder Beschilderung?

Preißmann: Hilfreich wäre es, wenn man am Rand einzelne Stühle mit etwas mehr Abstand zueinander aufstellen und darauf hinweisen könnte, dass diese für Menschen mit Wahrnehmungsbesonderheiten reserviert sind. Oft sind die Stühle ja ineinander verkeilt, das empfinde ich als besonders unangenehm. 

Auch die Beschilderung der Räumlichkeiten muss gut sichtbar vorgenommen werden, Wegweiser sind hilfreich, Mitarbeiter als Ansprechpartner dagegen nicht. Optimal ist es, wenn man schon im Vorfeld – zum Beispiel mit der Anmeldebestätigung – einen Plan zugeschickt bekommt, der vielleicht sogar das eine oder andere Foto enthält, damit man schon im Vorfeld weiß, was einen erwarten wird. Dieser Plan sollte auch den Rückzugsraum ausweisen und vielleicht auch einen Ansprechpartner, an den man sich bei Fragen oder Anliegen wenden kann.

Schultze: Haben Sie auch Tipps zu den Gepflogenheiten bei der Kommunikation?

Preißmann: Im Hinblick auf die Kommunikation könnte ich mir vorstellen, dass es bei Großveranstaltungen, bei denen ja in der Regel Namensschilder getragen werden, möglich sein könnte, daneben einen farbigen Punkt zu kleben, der je nach Befinden auch gewechselt werden kann: rot für „bitte derzeit gerade nicht ansprechen“, grün für „bin derzeit ansprechbar“. 

Schultze: In der Veranstaltungsbranche gibt es starke Trends hin zu mehr Interaktivität, Einbeziehung des Publikums, neuen Formaten der Wissensvermittlung und des Austauschs. Auf Networking und kommunikative Elemente wird in der Programmgestaltung viel Wert gelegt. Wie erleben Sie das persönlich?

Preißmann: Diese Entwicklungen empfinde ich in der Tat als schwierig. Wenn mich etwas interessiert, möchte ich mir das in Ruhe anhören, aber ich möchte nicht Gefahr laufen, mich dann in einer Kleingruppensituation wiederzufinden. Leider ist das manchmal der Fall. Ich finde es gut (auch als Referentin), wenn es für das Publikum die Möglichkeit gibt, Fragen zu stellen – gerne auch zwischendurch. Alles Weitere aber möchte ich selbst nicht. Und falls so etwas geplant ist, sollte man es in der Ankündigung beschreiben, damit man die Möglichkeit hat, dann eben andere Angebote auszuwählen.

Das Asperger-Syndrom

Das Asperger-Syndrom ist eine Variante des Autismus, die unter anderem durch Schwächen in den Bereichen der sozialen Interaktion und Kommunikation gekennzeichnet ist. Betroffene wirken dadurch häufig sonderbar und linkisch. Auf der anderen Seite ist das Asperger-Syndrom oft auch mit Stärken verbunden, etwa in den Bereichen Wahrnehmung, Aufmerksamkeit oder Gedächtnisleistung. Viele Autisten pflegen intensive Spezialinteressen für ungewöhnliche Themen – oft in technischen oder naturwissenschaftlichen Gebieten. Hoch- oder Inselbegabungen treten zudem häufig auf, sodass der Kinderarzt Hans Asperger bereits vor Jahrzehnten schrieb: „Es scheint, dass für Erfolg in der Wissenschaft oder in der Kunst ein Schuss Autismus erforderlich ist.“ 

Dr. Christine Preißmann

Dr. Christine Preißmann ist Ärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapie sowie selbst vom Asperger-Syndrom betroffen. Sie befasst sich seit mehr als zehn Jahren beruflich mit dem Thema Autismus, hält Vorträge, hat eine Reihe von Büchern veröffentlicht und engagiert sich in der Selbsthilfe. Als Vorstandsmitglied von Autismus Deutschland e.V. ist Dr. Preißmann auch in die Organisation der Verbandstagung involviert.