Warum bewegen wir uns eigentlich noch?
Denkanstöße zur Mobilität der Zukunft
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Warum reisen Menschen heute noch zu Kongressen, Tagungen, Konferenzen oder Meetings? Noch nie war Wissen so leicht zugänglich wie heute. Podcasts, TED Talks, Online-Kurse und zunehmend auch KI-Systeme liefern Informationen jederzeit und überall. Gleichzeitig wird vielerorts über Homeoffice, digitale Zusammenarbeit und kürzere Wege diskutiert. Warum also machen sich Menschen weiterhin auf den Weg?
Ich glaube, die Antwort liegt weniger im Transport von A nach B als in dem, was wir unterwegs und vor Ort erleben. Business Events erfüllen Funktionen, die digitale Formate nur begrenzt ersetzen können.
Business Events als „humanoide Inseln“
Wir erleben derzeit eine rasante Zunahme automatisierter Kommunikation. KI-generierte Texte, digitale Assistenten und algorithmisch gesteuerte Prozesse prägen unseren Alltag. Vieles wird effizienter – aber oft auch unübersichtlicher. Wer kennt nicht die E-Mail-Ketten, die nach mehreren KI-generierten Zusammenfassungen länger und unklarer sind als die ursprüngliche Fragestellung? Oder Meetings, in denen mehr Informationen produziert als tatsächlich verstanden werden?
Gerade deshalb gewinnen persönliche Begegnungen an Bedeutung. Business Events werden zu Orten, an denen echte Menschen miteinander sprechen, diskutieren und Vertrauen aufbauen. Sie schaffen Räume jenseits der digitalen Dauerkommunikation. In einer Welt zunehmender Automatisierung könnten genau diese „humanoiden Inseln“ zu den wichtigsten Reiseanlässen überhaupt werden.
Resonanz statt Regelwerk
Ein zweiter Grund für Mobilität liegt in unserem Bedürfnis nach echten Handlungsspielräumen. Der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt, wie viele Lebens- und Arbeitsbereiche zunehmend von Regeln, Prozessen und Algorithmen bestimmt werden. Entscheidungen folgen häufig vorgegebenen Pfaden. Was technisch effizient ist, fühlt sich für Menschen nicht immer sinnvoll an.
Business Events bieten hier einen Gegenentwurf. Sie schaffen Räume, in denen Gespräche nicht vollständig standardisiert sind. Räume, in denen Zufälle möglich werden, neue Perspektiven entstehen und Menschen auf Ideen stoßen, die in keinem Prozesshandbuch vorgesehen waren.
Viele Teilnehmende beschreiben genau dieses Gefühl: Außerhalb der Routinen des Alltags zu sein, andere Menschen zu treffen und neue Gedanken entstehen zu lassen. Das ist mehr als Networking. Es ist Resonanz.
Lernen, was nicht auf der Agenda steht
Wenn Wissen jederzeit verfügbar ist, muss sich auch unser Bildungsverständnis verändern. Der eigentliche Wert eines Business Events liegt nicht mehr allein darin, Informationen zu vermitteln. Entscheidend wird die unerwartete Erweiterung des eigenen Horizonts. Die spannendsten Erkenntnisse entstehen oft nicht während eines Vortrags, sondern in Gesprächen auf dem Flur, beim Abendessen oder auf dem Weg zur Veranstaltung.
Der sogenannte Allen-Effekt zeigt seit Jahrzehnten, dass Innovation wahrscheinlicher wird, wenn Menschen physisch zusammenkommen. Schon wenige Meter Distanz reduzieren die Wahrscheinlichkeit spontaner Interaktionen deutlich.
Business Events können deshalb zu kuratierten Bildungsräumen werden: Orte, an denen geplante Inhalte und zufällige Begegnungen produktiv zusammenwirken. Orte, an denen wir etwas lernen, das wir vorher gar nicht gesucht haben.
Gemeinschaft in unsicheren Zeiten
Wir leben in einer Zeit wachsender Unsicherheit. Wirtschaftliche Transformationen, geopolitische Krisen, gesellschaftliche Polarisierung und technologische Umbrüche werfen Fragen auf, die viele Menschen beschäftigen. Gerade deshalb entsteht ein neues Bedürfnis nach Gemeinschaft und gegenseitiger Vergewisserung.
In verschiedenen Fachcommunities lässt sich beobachten, wie wichtig der persönliche Austausch geworden ist. Nicht, um immer einer Meinung zu sein, sondern um festzustellen: Andere stehen vor ähnlichen Herausforderungen. Andere suchen ebenfalls nach Lösungen.
Business Events können solche Räume schaffen. Sie bieten die Möglichkeit, Erfahrungen auszutauschen, Zweifel zu teilen und gemeinsam Orientierung zu finden. Auch dafür sind Menschen bereit zu reisen.
Wenn die Anreise Teil des Events wird
Wer über die Zukunft von Business Events nachdenkt, sollte nicht nur auf die Veranstaltung selbst schauen, sondern auch auf die Mobilität. Die Anreise muss nicht länger bloßer Transfer sein. Sie kann selbst Teil des Veranstaltungserlebnisses werden.
Bereits heute entstehen Formate, bei denen Teilnehmende gemeinsam mit dem Fahrrad zu Messen oder Kongressen fahren. Andere Konzepte setzen auf Nachtzüge oder komfortable Nachtbusse, die Reisezeit produktiv oder gemeinschaftlich nutzbar machen. Das eigentliche Event beginnt dann schon vor der Ankunft.
Diese Perspektive verändert den Blick auf Mobilität grundlegend. Statt ausschließlich über Geschwindigkeit nachzudenken, könnten wir stärker über Begegnung, Austausch und gemeinsame Erfahrungen sprechen.
Mobilität ist mehr als Verkehr
Verkehr bedeutet, einen Ort zu erreichen. Mobilität bedeutet, Möglichkeiten zu schaffen. Genau darin liegt aus meiner Sicht die zentrale Herausforderung für die Zukunft von Business Events. Wer Teilnehmende zur Reise motivieren möchte, sollte weniger über Logistik und mehr über gesellschaftliche, soziale und persönliche Mehrwerte nachdenken. Menschen reisen nicht, weil sie Kilometer zurücklegen wollen. Sie reisen, weil sie etwas erleben, lernen, verstehen oder gemeinsam gestalten möchten.
Die bekannte „Marchetti-Konstante“ besagt, dass Menschen seit Jahrtausenden täglich ungefähr gleich viel Zeit für Mobilität aufbringen. Vielleicht bleibt diese Konstante tatsächlich bestehen. Nicht, weil wir weiterhin Wege überwinden müssen, sondern weil wir auch in Zukunft Orte suchen werden, an denen Begegnung, Bildung, Resonanz und Gemeinschaft möglich sind. Genau diese Orte können Business Events sein.
Literaturempfehlungen zum Thema:
- Rosa, Hartmut (2026): Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums. Berlin.
- Rosa, Hartmut (2016): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin.
© White Octopus GmbH
Dr. Ingo Kucz
- Geschäftsführer
- White Octopus GmbH
Dr. Ingo Kucz ist Gründer und Geschäftsführer von White Octopus, einer Berliner Beratung für Strategie und Service Design. Er arbeitet seit 20 Jahren an der Schnittstelle von Mobilität, Stadt und gesellschaftlichem Wandel — zunächst als Zukunftsforscher in der Volkswagen Konzernforschung, dann als Projektleiter in der Konzernstrategie der Deutschen Bahn. Mit seinem Team von White Octopus entwickelt er Mobilitätsservices und ist in der Foresight-Forschung sowie als Berater für Städte, Verbände und Unternehmen aktiv. Zuletzt hat er die Zukunftsstudie Nachtsprung Zürich 2040 für Zürich Tourismus und die Stadt Zürich verantwortet und sie auf der ITB Berlin 2026 vorgestellt.
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