Miriam Janke © Goodfeelography Sylvie Gagelmann

02 April 2020

"Wir werden anders sein"

GCB FutureTalks #3 mit Miriam Janke

„Eine Zeit der Häutung und Innovation steht an“, sagt Miriam Janke, Moderatorin und Veranstaltungsdesignerin, angesichts der aktuellen Krisensituation. Für unsere Reihe GCB FutureTalks, Ausgabe #3, sprach sie mit Matthias Schultze, Managing Director des GCB, über die Systemrelevanz der Veranstaltungswirtschaft, kreative Rollenwechsel und die künftige Gestaltung von Räumen.

Matthias Schultze: Dieser Tage wird viel über „systemrelevante“ Branchen und Berufe gesprochen. Wo verortest Du die Veranstaltungswirtschaft in dieser Diskussion?

Miriam Janke: Veranstaltungen sorgen für Kommunikation, Nähe, Gemeinschaft, Lernen und Transformation – all das bieten Konferenzen, Festivals, Sport-Events, Fachtagungen, Workshops und viele weitere Events, bei denen wir uns als Menschen treffen. Dort verhandeln und verändern wir unsere Gesellschaft. Was wären Zivilgesellschaft, Kultur, Wirtschaft, Sport, Politik und unsere Institutionen ohne öffentliche oder persönliche Treffen? Die aktuelle Situation zeigt uns, wie verwoben wir alle miteinander sind, finanziell wie sozial – wer möchte schon nach der Kontaktsperre nach draußen gehen und feststellen, dass die Lieblingskneipe, der Kiez-Buchladen und das Fitnessstudio pleite sind? Außerdem die Tontechnikfirma, der Messebauer, die Moderatorinnen und der Veranstaltungsort? Das System sind wir alle. Wir wirken miteinander und füreinander. Nun haben wir die Chance, bewusst zu überprüfen, wie wir dieses System gestalten und welche Zukunft wir wollen.

Matthias Schultze: Wie kann diese Zukunft aussehen?

Miriam Janke: Was aus dieser Krise entstehen kann, ist ein Rollenwechsel: Die alte Hoheit ist futsch. Die Veranstalter und Dienstleisterinnen auf der einen, die Besucher auf der anderen Seite – diese klare Gegenüberstellung könnte über Bord gehen. Ich würde keinen Rettungsring auswerfen. Denn das klar organisierte Prinzip „Geld-gegen-Konferenztag“ hat auch Nebenwirkungen: Dröge, aber so schön beherrschbare Formate, Blockbestuhlung, eine Konsumhaltung der Teilnehmer, Perfektionismus in der Planung, die Lebendigkeit erschlägt. Alles soll zu 100 Prozent funktionieren, es sind ja zahlende Kunden. Doch Teilnehmer können auch Teilgeber sein: Menschen, die sich mit ihren Ideen und Talenten einbringen, die am Tag selbst Rollen übernehmen, neue Unkonferenz-Formate, in denen wir als Prozessbegleiter und Ermöglicherinnen gefragt sind und die partizipativ sind.

Matthias Schultze: Ist die Branche schon soweit? Oder anders gefragt: Was braucht es noch, um diese neuen Ansätze mit Leben zu füllen?

Miriam Janke: Die gute Nachricht: Die Lernkurve ist steil. Wir erschließen uns momentan im Eiltempo neue Räume und erproben andere Arten von Begegnung. Etwa der Opa, der mit dem Smartphone über die Felder geht und mit seinen Enkeln, die 800 km entfernt in Homeschooling-Quarantäne sitzen, die sprießenden Frühlingsblumen anschaut. Unsere persönlichen Erfahrungen als Menschen helfen uns dabei, neue Formate fürs Business zu entdecken und auszuprobieren. Hybride Formate sind in meiner Wahrnehmung das Branchenschlagwort der Stunde und sprießen wie jene Blumen auf dem Feld: Manche sind nachhaltiger und inklusiver als analoge Veranstaltungen, kostengünstiger und einfacher zugänglich, z. B. barrierefrei und ohne Visum. Interessant wird hier, wie wir kurzweilige Dramaturgien für den heimischen Bildschirm gestalten und wie wir an- und abwesende Teilnehmer wirklich miteinander in Kontakt bringen. Wie geht Nähe digital? Wie geht Netzwärme?

Matthias Schultze: Deine Prognose für die Zeit nach der Krise?

Miriam Janke: Ganz klar, wie dieser eben beschriebene Häutungsprozess am Ende auch ausgehen mag: Wir werden anders sein. Näher dran und bewusster. Aus den klassischen Veranstaltern könnten Raumgestalter werden, die sich auch durch ihre Gastgeberschaft und Beziehungspflege zu ihren Kunden auszeichnen – die sich als Menschen wohl, verstanden und willkommen fühlen. Dafür brauchen wir neue Veranstaltungskonzepte, ein anderes Selbstverständnis, flexible physische Räume, eine Willkommenskultur in unseren Häusern, ein aufrichtiges Interesse an Menschen. Haben wir schon? Dann sind wir für die Post-Krise gerüstet!

Das Interview in voller Länge können Sie auf eventcrisis.org nachlesen.