Tom Ritschel

27 Mai 2020

„Es braucht Laborräume für die Formatentwicklung und -erprobung“

GCB FutureTalks #13 mit Tom Ritschel, Coach, Moderator und Methoden-Entwickler

Matthias Schultze sprach mit Tom Ritschel über die Veränderungen und Weiterentwicklungen innerhalb der Business Events-Industrie. Tom Ritschel arbeitet als Coach, Moderator und Methoden-Entwickler und konzipierte über die Jahre zahlreiche interprofessionelle und transdisziplinäre Projekte.

Matthias Schultze: Was bedeutet die aktuelle Situation für Dich als Moderator und Trainer?

Tom Ritschel: Zuerst bedeutet sie, dass ich plötzlich mehr Zeit habe. Statt die ganze Woche durchs Land zu Veranstaltungen oder Teammeetings zu reisen, bin ich nun seit fast 6 Wochen immer an einem Ort. Mein Alltag spielt sich nun zwischen Bildschirm, Park, Küche und Kinderzimmer ab, wo ein Kind auch Seite an Seite mit mir zu Hause lernt. Innerhalb von 2 Wochen wurden 100% aller geplanten Veranstaltungen bis Ende August abgesagt - Eine Erfahrung, auf die ich sehr gern verzichtet hätte. Nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen, sondern auch weil sich großartige berufliche Möglichkeiten gemeinsam mit tollen Partnern plötzlich in Luft auflösten.

Ich begleite schon seit vielen Jahren Organisationen, nicht nur aus der MICE-Branche, bei Transformationsprozessen. Strategien für Krisen und Disruption sind mir also bestens vertraut. Der enge Austausch mit Freunden und Komplizen ist dabei besonders wichtig. Die Mischung aus stetigen Aktivitäten in einer guten Tagesstruktur, die Chance auf Ausgleich mit viel Zeit in der Natur und die Zeit für die Reflexion des eigenen inneren Erlebens sind die wichtigsten Grundlagen für die eigene Stabilität in einer solch unübersichtlichen Zeit. Eine Antwort war und ist für mich, dass ich nun, nach Überwindung von ein paar inneren Widerständen, richtig in die Welt des Digitalen einsteige und einen Teil meines Geschäftsmodells inzwischen digitalisiert oder genauer: „hybridisiert“ habe.

Matthias Schultze: Mit welchen neuen Ideen, Lösungsansätze und Initiativen begegnest Du der aktuellen Krise?

Tom Ritschel: Da sich mein Alltag glücklicherweise auch schon vor Corona in der VUCA-Welt abgespielt hat, bin ich nicht in die große Unsicherheit abgerutscht. Stattdessen habe ich mich eigentlich rasch neugierig auf die Suche nach neuen Möglichkeiten begeben. Der eigene Alltag ist noch mehr zum Labor geworden. Dazu gehören neue Versuchsanordnungen, neue Teamzusammenstellungen und neue Formate, aber auch Beobachtungs- und Reflexionsphasen. Es ist ein wirklich intensiver Lernprozess. Die Zusammenarbeit mit einigen Kolleg*innen hat sich seitdem noch einmal stark intensiviert. Ich habe gleich zu Beginn des Shutdowns ein Online-Café eröffnet, in dem sich Menschen aus meinem erweiterten Umfeld treffen können. Hier gibt es einen offenen regelmäßigen Lunch für Soloselbständige und Kleinunternehmer*innen, in dem wir uns gegenseitig beraten. Ein interprofessionelles Team, das so noch nie zusammengearbeitet hat, trifft sich außerdem regelmäßig als „Digitale Formenfinder“ und testet neue Methoden für Remote-Formate. Dazu kommen immer mehr Remote-Workshops, für die ich neue Wege suche – etwa durch die Übertragung von spannenden aktivierenden Methoden aus meiner analogen Lernwelt. Am Anfang habe ich dabei mehr Grenzen gesehen, inzwischen erweitern sich diese Räume permanent. Ich bin selbst erstaunt, wie dies durch die Einführung von analogen Aspekten in die digitale Welt ermöglicht wird. Am wichtigsten ist hierbei die Experimentierfreude auf der Basis von Erfahrungen in Kombination mit theoretischen Grundlagen aus der Pädagogik, den Neurowissenschaften und der Psychologie. Wir spielen analoge Spiele online, bauen virtuelle Räume auf, in den wir nahezu alle soziometrischen Methoden realisieren können oder schicken uns Päckchen mit Zutaten, mit denen wir dann gemeinsam parallel kochen. Die Welt wird nicht nur digitaler, sondern auch viel hybrider.

Matthias Schultze: Worauf kommt es aus Deiner Sicht für die Veranstaltungswirtschaft in den nächsten Wochen und Monaten an?

Tom Ritschel: Ich denke, dass die Branche nur eine Chance hat, um bald wie „Phönix aus der Asche“ zu kommen: Sie muss diese Krise tatsächlich für neue Wege nutzen.  Es geht dabei nicht um eine rasche Verlegung aller Aktivitäten ins Netz. Die Zäsur braucht stattdessen Laborräume, Instrumente für die Reflexion der Erfahrungen in der Krise und Investitionen in die Formatentwicklung und -erprobung. Außerdem muss der gesamte Weg von Kunden und Teilnehmenden in und um Veranstaltungen in die Veränderungsprozesse mit einbezogen werden. Dazu braucht es einen Ausbau der interprofessionellen Zusammenarbeit. Veranstaltungen brauchen künftig andere Entwicklungs- und Erbringungsstrukturen. Wir brauchen z.B. eine smarte Begleitung von Kunden durch Convention-Büros, die mit mehr Freiheit als heute zu echten Dispatchern für Kunden und zu Kommunikationsagenturen für exzellente Veranstaltungen werden. Es braucht Konzepte, die mehr Raum- und Zeitoffenheit von Veranstaltungen ermöglichen. Statt eines linearen, durchgestylten Programms, bieten Veranstaltungen dann Programme, die zum Beispiel Gleichzeitigkeit und Bedürfnisorientierung ermöglichen. Der Fokus bei der Digitalisierung sollte vor allem auf die Verbesserung der Kundenkommunikation und der internen Prozesse der Veranstalter gelegt werden. Ohne offene Diskussionen zwischen den Veranstaltungsprofis, den Kunden und Expertinnen aus Kommunikation, Kunst, Lernwissenschaften und den Akteuren der Kultur- und Kreativwirtschaft wird es kaum zu diesen Erneuerungen kommen.

Matthias Schultze: Welche neuen Veranstaltungsformate und Vernetzungsmöglichkeiten siehst Du in der Zukunft?

Tom Ritschel: Diese Frage bewegt uns ganz unabhängig von Corona. Die aktuelle Krise wirft aber dennoch ein Schlaglicht auf dieses Thema und bringt eine Dynamik hervor, die die Entwicklung zu einer neuen Veranstaltungskultur wahrscheinlich beschleunigen wird. Die Veranstaltungen von Morgen müssen sich unserer Meinung nach in ganz neuer Weise an menschlichen Maßstäben orientieren. Angesichts der aktuellen Digitalisierungswelle klingt das fast ein bisschen Oldschool. Die Fixierung auf technische Möglichkeiten ist aber unserer Meinung nach schon immer eine der Sackgassen der Digitalisierung gewesen. Die Technologien müssen eingebettet sein in einer an den Bedürfnissen und Möglichkeiten von Menschen orientierten Veranstaltungskultur. Diese Kultur ist eher hybrid. Sie umfasst digitale Kommunikation bereits im Vorfeld von Veranstaltungen und bietet neue Möglichkeiten für den Transfer weit über die Veranstaltungen im engeren Sinn hinaus. Veranstaltungen werden zu Möglichkeitsräumen, die auch zeitoffener und partizipativer werden. Gleichzeitigkeit, Wahlmöglichkeiten, Mitgestaltung von Programmen und Inhalten, Gastlichkeit, Spiel, Erfahrungsorientierung, Genuss, die Intensivierung der Verbindung zu anderen Menschen und ökologische Nachhaltigkeit in allen Bereichen sind dabei zentrale Aspekte dieser neuen Kultur. Außerdem werden Veranstaltungen zukünftig nicht mehr für sich stehen, sondern Teil von Konzepten sein, die sich wie neuronale Netze miteinander über Zeit und Raum hinweg verbinden. Das heißt z.B., dass sich um solche Veranstaltungskonzepte immer häufiger Communitys bilden werden. Darüber bleiben die Teilnehmenden auch stärker untereinander und mit den Veranstaltern verbunden. Wir sehen daher zukünftig mehr kleinere und mittlere Formate, die aber vermehrt in Beziehung zueinanderstehen, sich ergänzen und eine Vielfalt von Erfahrungen ermöglichen.