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05 September 2019

Mobilitätskonzepte der Zukunft

Ein Interview mit Michael Birk, Leiter Strategisches Kunden- und Projektmanagement, DB Vertrieb GmbH

Mobilität verändert sich. Digitalisierung, Klimawandel und Nachhaltigkeit spielen auch im Bereich Mobilität eine immer größere Rolle. Ein Umdenken ist gefordert. Wir haben mit Michael Birk, Leiter Strategische Kunden- und Projektmanagement im Vertrieb Geschäftskunden der Deutschen Bahn, über Mobilitätskonzepte der Zukunft gesprochen.

1. Wie sieht für Sie die Mobilität der Zukunft aus?

Es zeichnet sich bereits jetzt schon ab, dass Mobilität - neben den großen Schlagworten ‚digital‘, ‚geteilt‘ und ‚vernetzt‘ - vor allem nachhaltiger (nicht nur CO2), flexibler, situationsspezifischer (nicht mehr ‚systemisch‘, also auf ein/zwei best. Verkehrsmittel festgelegt) und integrierter sein wird. Mobilität kann nicht länger separat betrachtet werden, sondern wird intelligent geplanter und genutzter Bestandteil größerer Systeme und Konzepte (Leben, Arbeiten, Urlaub, Stadt-Land…) werden.

Mobilität entwickelt sich zum Grundbedürfnis und wird somit weniger prestigegeladen. In Summe, so glaube ich, wird sie intuitiver und selbstverständlicher und gleichzeitig deutlich energieeffizienter als heute.

2. Welche Mobilitätskonzepte können Ihrer Meinung nach den stetig wachsenden Anforderungen an Klimaschutz, Flexibilität und Kosten Rechnung tragen?

Das können nur Konzepte sein, die vom Nutzer, also quasi uns allen, gedacht und bedürfnisgerecht entwickelt werden. In größeren Nutzungskontexten werden diese Konzepte möglichst umfassend beleuchtet und bewertet (360°-Perspektive). Soziale und ökologische Kosten/Auswirkungen der Mobilität werden dabei in die ökonomische Bewertung einfließen müssen. Das bedeutet auch, dass wir nicht mehr völlig autonom über unsere Art der Fortbewegung entscheiden werden, sondern innerhalb gesetzter Grenzen (auch Gesetze, Verbote, Regeln) und Handlungsrahmen. Dabei geht es auch darum, Reboundeffekte zu vermeiden.

3. Welche Rolle spielt Digitalisierung in der Mobilität?

Digitalisierung öffnet den Zugang zu diverser Mobilität, entkoppelt sie vom Besitz, erleichtert die Orientierung und Entscheidungsfindung sowie die mit Mobilität verbundenen Prozesse. Sie hilft, unsere Mobilität besser und sinnvoller in unsere Lebenskontexte einzubinden/zu integrieren, sie ist auch Spielwiese, um neue Lösungen zu probieren. Sie ist DER Motor des Fortschritts, der allerdings ohne Akzeptanz durch den Menschen schnell in’s Stottern gerät. Negativbeispiel hierfür sind -zig bis hunderte Einzel-Apps, die wenig genutzt werden, aber allesamt in der Entwicklung viel Ressource benötigt haben.

4. Welche Mobilitätskonzepte sehen Sie speziell für Veranstaltungen für die Zukunft?

Hier setze ich ebenfalls auf ganzheitlich gedachte und integrierte Lösungen, die nicht nur auf An-/Abreise sowie Orientierung ausgelegt sind, sondern den Va.TN in seiner ganzen Mobilität begleiten (auch vor Ort). Immer mehr werden auch ‚immobile‘ Lösungen eine Rolle spielen, wie zum Beispiel hybride oder virtuelle Events (Bsp.: inter-/nationale Kongresse an verschiedenen, dezentralen Orten). Mobilität ist ja kein Selbstzweck und wird sich an wandelnde Veranstaltungsformate anpassen. Da ein hoher Anteil der CO2-Emissionen einer Veranstaltung durch die Mobilität der Teilnehmer verursacht wird, werden Veranstalter nicht umhin kommen, das Thema umfassender zu denken und ‚smarter‘ anzubieten.

Michael Birk

Michael Birk ist seit 2014 für das Strategische Kunden- und Projektmanagement im Vertrieb Geschäftskunden der Deutschen Bahn verantwortlich und initiierte 2017 die offene B2B-Netzwerkinitiative driversity für moderne Mitarbeitermobilität.

Seit insgesamt 15 Jahren im Unternehmen, war der studierte Betriebswirt vorher in verschiedenen leitenden Funktionen im Geschäftskundenvertrieb tätig. Er war federführend bei der Entwicklung des DB Veranstaltungstickets zum nachhaltigen Referenzangebot für den geschäftlichen Veranstaltungsmarkt.

Vor seinem Wechsel zur Bahn sammelte er 6 Jahre Vertriebs- und Führungserfahrung bei der Steigenberger Hotels AG.

 

 

5. Was müssen wir leisten, damit der Wandel zur nachhaltigen Mobilität gelingt?

  1. In erster Linie immer weiter das Bewusstsein verstärken, dass unser aktuelle/r Verkehr/Mobilität nicht dazu beiträgt, die gesteckten Nachhaltigkeitsziele zu erreichen, sondern die Erreichung erschwert. Weiterhin: es gibt nicht DIE EINE Lösung. Und: die Verkehrswende wird auch Verlierer produzieren.
  2. Umdenken: Mobilität ist nicht gleich Verkehr! Wir reden ständig über Mobilität, meinen aber eigentlich Verkehr. Der Unterschied zwischen beiden eröffnet allerdings Chancen für andere, ‚größere‘ Lösungen und für Fortschritt.
  3. Starke und mutige Incentivierung nachhaltiger Lösungen, vermutlich flankiert durch restriktive Maßnahmen für weniger nachhaltige Lösungen - ohne Regulierung wird es wohl leider nicht gelingen, denn:
  4. es braucht einen fundamentalen Wertewandel, auch wenn das Wort ‚Werte‘ heute leider häufig verbrannt ist.

Wenn wir uns bewusst machen, dass wir uns nicht allein im öffentlichen Raum (der nicht uns gehört) bewegen, sondern gemeinsam mit anderen, wird manchen vielleicht auch klarer, dass es miteinander besser und effizienter funktioniert.
Stattdessen bewegen wir uns meist in Rivalität zu anderen Verkehrsteilnehmern, ob es der Autofahrer vor oder neben mir, der Radfahrer an der Seite oder der Fußgänger ist. Systemforscher bestätigen eindeutig, dass ein ‚Miteinander‘ den Verkehr deutlich effizienter machen könnte, stattdessen frönen wir dem ‚Gegeneinander‘. Wenn wir (absehbar) an diesem Punkt nicht weiterkommen, wird es ohne Regulierung nicht funktionieren.

6. „Miteinander“ arbeiten Sie auch in Ihrem Projekt Driversity – was steckt dahinter? 

Driversity ist ein vor über zwei Jahren gegründetes kollaboratives und interdisziplinäres Netzwerk für Praktiker und Macher aus Wirtschaft und Forschung. Unser Ziel ist es, Lösungen für eine nachhaltige und vernetzte Mitarbeitermobilität zu finden und umsetzen.  Über 120 Teilnehmer aus fast 90 Unternehmen sind schon an Bord und entwickeln miteinander Ideen, die sie dann in der Praxis pilotieren. Dabei arbeiten wir in mehreren Teams mit verschiedenen Schwerpunkten; von Steuerthemen über Incentivierung bis zur technischen Umsetzung. Weiterführende Informationen gibt es unter www.driversity.de. Wir freuen uns natürlich sehr über motivierte „driver“ – und jeden, der mitmachen und die Mobilität der Zukunft mitgestalten möchte.