MEXCON

Analog vs. Digital: Richtiger Mix zwischen Online und realen Meetings/Sensibilisierung für den richtigen Einsatz von Technologie

GCB:
Vor dem Hintergrund der rasanten digitalen Transformation könnte man meinen, Veranstaltungen mit persönlichen Kontakten in der realen Welt sind irgendwie „old school“. Trotzdem oder gerade deshalb möchte sich die Veranstaltungsbranche die neuen technischen Möglichkeiten zunutze machen. Wie kann man Ihrer Meinung nach bei Events die Brücke zwischen analog und digital sinnvoll herstellen?

Andre Wilkens:
Ich finde die Frage ist nicht, ob etwas Old School ist oder nicht, sondern wie der Zweck einer Veranstaltung am besten erfüllt werden kann. Wie treffe ich am besten Menschen, die meine Idee oder mein Business weiterbringen, wie kann ich sie davon überzeugen, wie baue ich nachhaltige Netzwerke, wo kann ich was Neues lernen und wie habe ich auch noch Spass dabei. Das sind für mich Gründe zu einer Veranstaltung zu gehen und sogar Geld dafür auszugeben. Effizienz ist ja hier nur ein zweitrangiger Grund. Und den digitalen Hype hatten wir ja auch schon, und haben gemerkt, dass Digital eben doch nur ein manchmal ganz gutes Hilfsmittel ist. Ich finde analoge Veranstaltungen, wo echte Menschen auf andere echte Menschen treffen und mit ihnen kommunizieren gar nicht Old School, eher schon fast New School. Es ist wahnsinnig menschlich. Und irgend etwas müssen wir Menschen ja auch machen, wenn uns Maschinen alles andere abgenommen haben. Nämlich uns treffen und über all die Sachen reden, die Maschinen nicht können.

Wie würde ich die Brücke zwischen analog und digital schlagen? Es gibt viele, eher technische Meetings, die man wirklich einfach per Skype und Videoconferencing machen kann. Aber wenn man sich dann schon für physischen Meetings entscheidet, dann würde ich das Analoge, das Menschliche, in den Vordergrund rücken. Gut inszenierte Meetings brauchen keine digitale Aufrüstung. Analog wird in einer digitale völlig überfluteten Welt etwas Besonderes sein, was man sich gönnt.

GCB:
In Ihrem Buch „Analog ist das neue Bio“ diskutieren Sie unter anderem Fluch und Segen des Digitalen. Was würden Sie dabei in Bezug auf die Veranstaltungsbranche als digitalen Fluch und was als Segen identifizieren?

Andre Wilkens:
Als Segen des Digitalen sehe ich potentielle Einsparungen bei Reise- und Energiekosten. Wenn einige Veranstaltungen teilweise oder ganz digital stattfinden, spart das Geld, CO2 und ist gut für unsere Umwelt. Als Fluch sehe ich die weitere Technisierung unseres Lebens, auch in Bereichen, die eigentlich von der zwischenmenschlichen Interaktion leben.

GCB:
Gibt es in der zunehmend digitalisierten Welt Ihrer Meinung nach eine Rückbesinnung auf analoge Qualitäten? Wenn ja, welche und wenn nein, warum nicht?

Andre Wilkens:
Absolut. Wenn sich mehr und mehr von unserem Leben digital abspielt, gewinnt das Analoge, nicht digital Vernetzte, eine neue Qualität. Diese Qualität beruht auf menschlichem Hand- und Denkwerk, auf analoger Entschleunigung, auf Nachvollziehbarkeit von Prozessen, auf Intuition, auf menschlicher Interaktion, und auf dem Spass an all diesen Dingen. Ich sehe das nicht als rückwärtsgewandt und nostalgisch, sondern als Weiterentwicklung von den Dingen, die uns als Menschen aus- und Spass machen.

GCB:
Veranstaltungen profitieren vom persönlichen Austausch, von Emotionen und individuellen Sinnes-Eindrücken, vom gemeinsamen Erlebnis und von der Möglichkeit der Wissensvermittlung. Birgt eine hybride Event-Gestaltung mit zunehmenden digitalen Elementen aus Ihrer Sicht Gefahr oder Chance für das Resultat einer Veranstaltung?

Andre Wilkens:
Ich denke, man sollte Neues ausprobieren, analoges und digitales kombinieren, Überraschungseffekte schaffen.  Da wird es kurze Hypes geben und auch Sachen, die sich durchsetzen. Im Prinzip sehe ich da viele Chancen, Events und Veranstaltungen immer wieder neu zu erfinden. Aber ich sehe auch die Gefahr, das wir Events zudigitalisieren, dass wir nur noch Effekte schaffen und dabei das Ziel der Veranstaltung aus den Augen verlieren. Und dabei dann auch Jobs wegdigitalisierten, die Menschen Arbeit und sozialen Kontext geben.

GCB:
Welche analogen Alternativen würden Sie gegenüber den digitalen Hypes der Veranstaltungsbranche empfehlen?

Andre Wilkens:
Ich würde auf analoges Erlebnis setzen, und dies im Premium Segment anbieten, als  etwas, was man in unserer duchdigitalisierten Welt gar nicht mehr so einfach bekommt. Die breite Masse kann ja gerne den neuesten digitalen Trends hinterher rennen. Wer es etwas exklusiver und nachhaltiger haben will, wird sich für Analog Events entscheiden, auch wenn diese teuerer sind. Wenn es wirklich gut werden muss, trifft man sich im Silicon Valley oder auf der Berliner Torstrasse auch lieber analog.

Andre Wilkens
Andre Wilkens

Hier die Angaben zu meiner Person:

Andre Wilkens ist 1963 geboren und in Ostberlin aufgewachsen. Der studierte Politikwissenschaftler hat viele Jahre in Brüssel, London, Turin und Genf gelebt und dort für die EU, Stiftungen und die UNO gearbeitet. Nach fast 20 Jahren ist er nach Berlin zurückgekehrt, wo er mit seiner deutsch-englischen Familie lebt.